Die geplante Übernahme von Lumentum durch Marvell würde dessen Netzwerkchips mit optischer Technologie für Verbindungen in KI-Rechenzentren zusammenführen.
Warum KI-Systeme mehr Optik benötigen
KI-Systeme vernetzen viele Prozessoren, damit diese Daten gemeinsam nutzen können. Schnellere Prozessoren helfen nur, wenn die Netzwerke Informationen zwischen ihnen zuverlässig übertragen können. Kupfer ermöglicht viele Verbindungen, stößt bei höheren Geschwindigkeiten und über größere Entfernungen jedoch an Grenzen bei Signalqualität, Stromverbrauch und Wärmeentwicklung.
Optische Verbindungen übertragen Daten als Licht und können sie über größere Entfernungen transportieren. Dadurch werden Laser und andere photonische Komponenten für die KI-Infrastruktur immer wichtiger. Sie werden nicht über Nacht jede Kupferverbindung ersetzen, doch mit dem Ausbau der Systeme wächst der Druck, optische Technik einzusetzen.
Marvell will mehr Teile der Wertschöpfungskette verbinden
Marvell stellt Netzwerkchips, Switches und kundenspezifische Prozessoren her. Lumentum produziert Hochleistungslaser, optische Transceiver und optische Schaltmatrizen sowie spezialisierte Komponenten zur Lichterzeugung. Marvell zufolge könnte eine engere Abstimmung zwischen Elektronik und Optik dabei helfen, stärker integrierte Verbindungen zu entwickeln und bereitzustellen. Der Deal stärkt zudem die Position des Unternehmens gegenüber Broadcom, das Cloud-Kunden ein breites Angebot an Hardware für KI-Rechenzentren bietet. Das ist eine strategische Begründung, aber kein Beleg dafür, dass das fusionierte Unternehmen bessere oder günstigere Systeme bauen wird.
Ein Risiko besteht in der Lieferkette: Marvell verkauft Chips an Hersteller optischer Transceiver. Einige davon könnten nach dem Deal mit Lumentum konkurrieren. Sie könnten sich fragen, ob Marvell sie weiterhin so fair behandeln wird wie bisher oder künftig eigene optische Produkte bevorzugt. Auch Betreiber von KI-Clouds brauchen die Wahl zwischen verschiedenen Lieferanten und einen zuverlässigen Zugang zu Komponenten. Mehr Kontrolle könnte Marvell helfen, die Versorgung und Produktentwicklung zu steuern, zugleich aber einige bestehende Kunden beunruhigen.
Die Bedingungen des Deals und die Reaktion des Marktes
Die Summe von 115 Milliarden US-Dollar ist der implizite Unternehmenswert des Deals und keine Barzahlung in dieser Höhe. Die Aktionäre von Lumentum sollen für jede ihrer Aktien 4,5 Marvell-Aktien erhalten. Die Unternehmen bezifferten den Wert auf rund 1.132 US-Dollar je Lumentum-Aktie – ein Aufschlag von 23,9 Prozent auf den unbeeinflussten Schlusskurs vom 28. Oktober. Da das Umtauschverhältnis feststeht, wird sich der endgültige Wert mit dem Kurs der Marvell-Aktie verändern. Nach Abschluss der Übernahme sollen die bisherigen Marvell-Aktionäre rund 67 Prozent und die Lumentum-Aktionäre rund 33 Prozent am fusionierten Unternehmen halten.
Am 2. November fielen die Marvell-Aktien um 13 Prozent und die Lumentum-Aktien um fast 19 Prozent. Diese Reaktion beantwortet nicht die Frage, ob der Preis gerechtfertigt ist, verweist aber auf die Sorgen der Anleger hinsichtlich der Verwässerung, der Umsetzung und der Dauer des Booms bei der KI-Infrastruktur. Marvell prognostiziert jährliche Kosteneinsparungen von mehr als einer Milliarde US-Dollar, einen adressierbaren Markt von 550 Milliarden US-Dollar und einen höheren Gewinn je Aktie im ersten Jahr nach Abschluss. Das sind Prognosen, keine gesicherten Ergebnisse. Um sie zu erreichen, müssen die Unternehmen und ihre Fertigungskapazitäten zusammengeführt werden, während sich Technologie und Kundenanforderungen weiterentwickeln.
Genehmigungen und Umsetzung stehen noch aus
Der Deal benötigt die Zustimmung der Aktionäre und behördliche Genehmigungen. Die Unternehmen rechnen mit einem Abschluss in der ersten Hälfte des Jahres 2028, doch das ist ein Ziel und keine Gewissheit. Kunden und Wettbewerber werden beobachten, ob Marvell sein breiteres Produktangebot in zuverlässige Produkte für die Massenproduktion umsetzen kann – und ob Wettbewerber weiterhin gute Gründe haben, bei Marvell einzukaufen. Der Erfolg des Deals hängt davon ab, dass optische Verbindungen für die KI-Infrastruktur wichtiger werden und Marvell die Integration umsetzt, ohne die Beziehungen zu beschädigen, auf die das Unternehmen angewiesen ist.